INB - Informationssystem Naturnahe Begrünungsmaßnahmen

Hintergründe zu naturnahen Begrünungsmaßnahmen

In Deutschland werden nach infrastrukturelle Eingriffen (z.B. Rekultivierung von Abbaugebieten, Straßen- und Deichbau) und zur Kompensation von Eingriffen in Natur und Landschaft jährlich große Flächen begrünt. Auf den meisten Flächen kommen dabei Regelsaatgutmischungen (nach FLL 2005) zum Einsatz, die Zuchtsorten aus dem Intensiv-Rasenbereich und der Landwirtschaft sowie Arten gebietsfremder Herkunft enthalten. Das Saatgut wird aufgrund geringerer Kosten zu einem wesentlichen Teil außerhalb der Anwendungsgebiete, oftmals sogar in anderen Klimazonen (z.B. Balkan, Kleinasien, Ostasien), gewonnen und vermehrt (Marzini 2004). Insgesamt werden jährlich 17.500 t Grassamen und 3.500 t Leguminosensamen nach Deutschland importiert (BLE 2004 in Drucksache 18/5087 des Deutschen Bundestages).

Seit längerem wird der Einsatz von alternativen, mit gebietsheimischem Pflanzenmaterial arbeitenden Begrünungsverfahren gefordert (z.B. Molder 1990, Kühn 1997, Keller & Kollmann 1998, Klingenstein & Eberhardt 2003). Gründe dafür sind:


Das Einbringen gebietsfremder Herkünfte von Arten kann durch negative Interaktionen mit noch vorhandenen gebietseigenen Provenienzen unerwünschte Folgen haben. Es besteht das Risiko, dass lokale Herkünfte durch gebietsfremde, invasive Genotypen verdrängt werden oder es zu einer unerwünschten Hybridisierung kommt (Bischoff & Müller-Schärer 2005). Dadurch kann die inner- und zwischenartliche Vielfalt von Pflanzen beeinträchtigt werden und es können Rückkopplungseffekte auf die Tierwelt entstehen (Wesserling & Tscharnke 1993, Molder 2002; Nickel 2003; Seitz & Kowarik 2003, Westhus & Korsch 2005).

... Details ausblenden



Damit verbunden ist auch die Vorgabe einer Genehmigung für die Ansiedlung gebietsfremder Herkünfte in der freien Landschaft (nach §40(4) BNatSchG vom 1.3.2010), wobei der Anbau von Pflanzen in der Land- und Forstwirtschaft ausgenommen wird. Bei zukünftigen Begrünungen in der freien Landschaft sind Alternativen zum Einsatz von Zuchtsorten oder gebietsfremden Arten und Herkünften dringend zu fordern (u.a. Hacker & Hiller 2003, Klingenstein & Eberhardt 2003; Westhus & Korsch 2005). In diesem Zusammenhang müssen auch die Widersprüche zwischen dem Bundesnaturschutzgesetz (Verbot des Ausbringens fremder Arten und Herkünfte in der freien Landschaft) und dem Saatgutverkehrsgesetz (SaatVerkG) geklärt werden, das bislang nur die Ausbringung zertifizierter Sorten der Arten erlaubt, die dem Saatgutverkehrsgesetz unterliegen. Gegenwärtig steht in den Gremien der EU eine Gesetzesvorlage zum Umgang mit pflanzengenetischen Ressourcen zur Entscheidung an, die unter anderem dem oben genannten Aspekt Rechnung tragen soll.

... Details ausblenden



Bild: Ausfälle bei einer RSM-Ansaat an der A 71 nördlich von Erfurt.
(Foto: H. Korsch, Oktober 2004)

Aktuelle Ergebnisse belegen inzwischen, dass Ökotypen krautiger Arten spezifische Anpassungen an lokale Standortbedingungen zeigen (z.B. Hufford & Mazer 2003; Bischoff & Müller-Schärer 2005), so dass die geringere Anpassungsfähigkeit gebietsfremder Herkünfte zu hohen Ausfallraten führen kann. Zudem erfordert der Einsatz von Zuchtsorten oftmals aufwändige Standortvorbereitungen. Unter Extrembedingungen, wie langen Trockenperioden oder einem hohen Anteil stark saurer Substrate, stoßen konventionelle Methoden deshalb an die Grenzen ihrer Anwendbarkeit (siehe Foto). Erosionsprozesse und ein erhöhter Nachsorgeaufwand sind die Folge. Auch Erfolgskontrollen von Kompensationsmaßnahmen, bei denen mit Regelsaatgutmischungen Magerrasen und Wiesen etabliert werden sollten, zeigen, dass die geplante ökologische Wirksamkeit nur unzureichend oder nicht erfüllt wird (Tischew et al. 2004 a, b). Daher kommt gebietseigenen und nutzungsangepassten Herkünften für ökonomisch und ökologisch nachhaltige Begrünungsmaßnahmen eine zunehmend größere Bedeutung zu (z.B. Bradshaw & Handley 1982; Mulroy 1989; Molder 1990; Molder & Skirde 1993; Kühn 1997; Keller & Kollmann 1998).

... Details ausblenden


Alternativen zu konventionellen Begrünungsverfahren wie Mahdgutübertragungen oder Heudruschverfahren sind bereits wissenschaftlich entwickelt und in Demonstrationsversuchen erfolgreich getestet worden. Obwohl naturnahe Begrünungsmaßnahmen von Seiten der Praxis zunehmend nachgefragt werden, finden aktuell noch zu wenig Anwendung. Einer der Haupthindernisgründe ist die relativ aufwendigen Recherche von potenziellen Spenderflächen hinsichtlich qualitativer und quantitativer Merkmale, die letztlich über die Eignung des Materials für eine naturnahe Begrünung entscheidend sind.

Die Inhalte des Textes sind im Wesentlichen Kirmer & Tischew (2006) entnommen.








Stand: 12.08.2010   |

|   Diese Seite wird bereitgestellt von Ingenieurbüro Jünger